Montag, 16. Juni 2014

Neun Tage auf schmalen Wegen

 
Wiedermal haben wir Ferien - und unglücklicherweise gleichzeitig fussproblemtechnisch fast das gesamte Repertoir zu bieten: einen schmerzenden Innenknöchel nicht ganz klarer Genese, Residuen einer Talusfraktur und eine schmerzende Achillessehne. Chamonix lockte trotzdem - nicht zuletzt eine während letzten Monaten erstellte "Chamonix-Bergmaterial-Shoppingsliste" zog uns gegen Süden.
Vor ziemlich genau einem Jahr fellten wir von Chamonix aus auf den Mt Blanc du Tacul, kletterten die Arete des Cosmiques, biwakierten auf dem Gletscherplateau auf rund 3600müm und kurvten zwischen den Gletscherspalten das Valle Blanche hinab. Diesmal jedoch blieb das ganze Bergsteiger-Arsenal den malträtierten Füssen zuliebe zu Hause. Einzig mit ein paar Trailschuhen, einem leichten Rucksack, den Schlafsäcken, einem Badetuch und besagter Einkaufsliste zogen wir los Richtung "Bergsteiger-Mekka" unweit der Schweizer Landesgrenze.

Die zurzeit beinahe perfekten Bedingungen für eine Mont Blanc Besteigung mit Ski machten uns den Verzicht auf diesen Peak nicht einfacher. Doch die 4000 positiven Höhenmeter unter problematische Füsse zu nehmen wäre schlichtweg Unsinn. Zuuu tief im Nacken sitzen mir "zeitlich ziemlich ausgedehnte" Erfahrungen letzter Jahre aufgrund verschleipfter orthopädischer Problemchen und Problemen. Nur in der Stube zu sitzen macht mich rasch schlechtgelaunt, kurzangebunden und grundunzufrieden. Manu wurde es jeweils bereits übel und unwohl, wenn wieder irgend ein orthopädisches Problemchen in ferner Sicht auftauchte. Irgendwann im Jahre 2012 kam er auf die Idee, seine Nerven zu schonen, indem er diese "schweren Zeiten" mit der Anschaffung eines Zweirades entschärft. Sein Lösungsansatz zeigte überragende Wirkung, so dass während den jetzigen Ferien sogar eine zweite Anschaffung getätigt wurde, welche 150cm mehr Federweg als die erste besitzt. Mit dem Beginn meiner Zweiräder-Ära wurden "untere-Extremität-Schonzeiten" wirklich ganz erträglich! Hauptsache irgendwo und irgendwie durch die Natur streifen und der Tag war ein guter Tag...

TAG 1: Am Ankunftstag begnügten wir uns mit einem Spaziergang durch die Bergläden und anschliessender Reko des Zustieges für eine Mt Blanc Besteigung in einem Tag. Neben dem Eingang des Mt Blanc Tunnels begann unser Abendausflug. Zuletzt stapften durch Schneefelder, dort oben, 1000 Meter über Chamonix trockneten uns die letzten Sonnenstrahlen unsere pflotschnassverschwitzten T-Shirts, bevor die rote Kugel hinter den Aiguilles Rouges verschwand und es schneller als gedacht dunkel wurde auf dem Abstieg durch den dichten Wald. In unzähligen kurzen Serpentinen führt der kleine Weg uns wieder runter ins Tal. Vorbei an am alten Telesiege, welcher im frühen 20. Jahrhundert in der Seilbahnpionierzeit erstellt wurde, um Chamonix mehr Toursimus zu verschaffen. Als dann die Italiener - auf der andern Seite des Mt Blanc eine Bahn bis ganz aufs Gletscherplateau rauf bauten, musste auch auf der französischen Seite "mehr" her. So wurde mithilfe Zwangsarbeitern und unter Auftreten zahlreicher Todesfälle die heutige Aiguille du Midi Bahn erbaut und 1955 eröffnet.
Auf dem Zustieg für "Mt Blanc in OneDay": Gondelbahnüberreste vor der Aiguille du midi, wo die heutige Bahn endet
 
Da hatte jemand eine strenge Arbeitswoche...

Abstieg im Sonnenuntergang mit Blick auf Chamonix runter und in die gegenüberliegenden Aiguilles Rouges

TAG 2: An unserem zweiten Chamonix-Tag inspizierten wir die gegenüberliegende Talseite von nahem. Mit leichten Schuhen starteten wir direkt vor unserem Auto in Les Gaillands. Durch den Wald und oben durchs freie Gelände stiegen wir bis kurz vor den Col du Brévent auf. Dort war leider Schluss, es hatte noch meterweise Schnee auf dem Pass. So hätte die ursprünlich geplante Runde zu lange gedauert. Oberhalb 2200müM sind die Aiguilles Rouge wohl erst ab Juli einigermassen schneefrei.
Unser "Basecamp": Les Gaillands...Aufstehen, Köcherle, Zähneputzen und Füsse tapen mit Bombenaussicht!
 
Mit jedem Ferientag werden die Zehen bunter...
 

Ab 2000müM gabs Fussabkühlung in Schneefeldern. Mein pinkiges Geburigschenk von Manu - Dynafit Transalper Shorts - eignet sich selbst für hüfttiefes Schneegestapfe hervorragend, da in Rekordgeschwindigkeit wieder trocknend!

Felsspitzchen ohne Ende, bekannte und weniger bekannte  :-)

TAG 3: Die Wanderung Richtung Mont Lachat war zu Beginn deutlich weniger spektakulär als gedacht, die Wege auf der ersten Streckenhälfte fast immer forstwegmässig. Auf der zweiten Streckenhälfte, im Abstieg auf schmalen Trails, wurde es aber unerwartet augenblicklich spannend: eine riesige Lawine stiebte auf der Mt Blanc Seite zu Tale. Bisher nahm ich an, dass sich selbst grosse (Eis)Lawinen nicht bis zum Talboden vorarbeiten, sondern bereits weiter oben in kleine Stücke und Staub "auflösen". Doch diese Lawine stoppte erst wenige Meter vor einem Forstweg auf dem Talboden. Unser Abstiegsweg führte rund 30 Meter neben der Lawinenzunge vorbei, welche dort gerade ein Bachbett zum kleinen See aufstaute. Eine gute Handvoll Lawinen, darunter auch ein imposanter Eisabbruch habe ich in den letzten Jahren live miterlebt - trotzdem, jedesmal bin ich von Neuem zutiefst beeindruckt von dieser Naturgewalt!
 
Staubwolke der niederpreschenden Lawine

Kein Stoppen bis im Tal !!!

Türmchen des gewaltigen Lawinenkegels
 
Wer findet die schmerzende Beule, die aktuell all meine Bergpläne über den Haufen wirft?
 
TAG 4: Zurück in Bern: Erledigungen stehen an, müde Bein werden geschont, und heute werden die Füsse nicht im Bachbett sondern wieder mal in der Dusche geschrubbt.

TAG 5: Gefühlte 30° Grad in Bern! Ab in den Schatten, ab in die Nordflanke des Niesens. Nach Auspowern und anschliessendem Mittagschläfchen im Schatten eines kleinen Hüttchens kühlten wir uns im nächstbesten Bach ab - was gibt es angenehmeres :-)!

TAG 6: Eigentlich wollte ich meine neuste (und wohl bisher teuerste des ganzen Lebens) Anschaffung heute zum allerersten Mal ausfahren. Doch nach wenigen Kilometern bewogen uns Donnergrollen, tiefschwarze Wolken und erste Regentropfen im Gesicht zur Umkehr. Auch wenn ich die rundlichen Rahmenformen von Carbonbikes weniger ästhetisch als die kantigeren der meisten Alubikes finde, zumindest gestern im Donnergrollen war es mir recht wohl, auf Carbon zu sitzen ;-). Doch Manu meinte, selbst ich hätte noch genug Metall am Bike...

TAG 7: Neuer Tag, zweiter Versuch, diesmal erfolgreich. Vom Kiental pedalten wir Richtung Tschingelsee. Baldmal gab es auf unserer Bachseite nur noch einen Singletrail. Mit jedem Meter wurde der schmale Weg steiler, wurzeliger und schlammiger. Nach guten 500 Höhenmetern Schieben, Tragen, Schwitzen und Knorzen kamen wir oben an auf dem Latrejenfeld Die Aussicht war genial, so stelle ich mir Biken vor, GENAU SO gefällt mit Biken. An dieser Stelle war mein Herz sich sicher, Biken ist Liebe auf den ersten Blick. Genau wie das Skitourengehen vor Jahren. Übermotiviert klebte ich Manu solange es ging am Hinterrrad, notfalls mit Puls 179/min - jedenfalls bis es runter ging, da wars endgültig vorbei. Mit früheren Downhillrennen Gleichgewichtsgedächtnis wird er mir wohl lebenslang davonfahren, wahrscheinlich sogar auf einem alten Damenvelo ;-). Nach 40Km und 1300 Höhenmetern beim Auto zurück war ich tot, hundetot - aber auch 200% zufrieden!


Ein Fussproblem ist genug - damit nicht noch ein Knieproblem dazukommt, habe ich für die erste Tour meine alten Inlineschoner aus dem Keller geholt ;-)
 
So gefällt mir Biken, GENAU SO!


TAG 8: Mit müden Bikebeinen (also, hauptsächlich ich:-D) zogs uns heute nicht weit in die Ferne, sondern nur auf ein "Güpfi" im Gurnigelgebiet, um dort bei Aussicht unser Sandwich zu verspeisen. Kaum zurück Zuhause, kam doch noch Bike-Lust auf,  so dass ich das erste Mal mit dem Bike auf einem der Berner Hausberge stand.

TAG 9: Heute musste abfahrtsmässig mehr her. Nach kurzer Aussichtsgeniess-Pause auf dem Gurten-Bänkli versicherte ich mich, dass weit und breit kein Downhiller stand, der mich auf der Piste von hinten plattrollen könnte ;-). Manu hinten nach fahrend vernichtete ich über Stufen, kleine Schänzchen und Holperpisten die Höhenmeter. Leider startete gleich "Tatort" im Fernsehen, so war Manu nicht zum Wiederaufstieg zu überreden.

TAG 10: Letzter Ferientag - ein letztes Mal luden wir die Bikes ins Auto. Start in Riffenmatt (Gantrischregion), um eine Tour aus dem Gantrisch Outdoorführer zu fahren. Die ersten 3/4 der Tour waren für mich recht enttäuschend, ich fand mich nicht wieder in meiner geliebten Bergwelt mit Aussicht, sondern mehrheitlich auf Teerstrassen oder Forstwegen ohne Fernblick. Doch die letzten Kilometer boten Trails vom feinsten, der Tag war gerettet. Nun musste ich einzig noch eine Magnum Almond retten. Es war meine Idee, diese in Riggisberg zu kaufen. Leider hatte ich dann aber auch noch die Idee, das süsse Mandelding in Manus Hände abzugeben und ihm zu gewähren, sich auf den Beifahrersitz zu begeben. Meine Betteleien um einen Schleck von der Glace kosteten wohl mehr Kalorien, als mir zu verspeisen gewährt wurden ;-).

Freitag, 9. Mai 2014

Patrouille des Glaciers 2014


53 KILOMETER UND 4000 HÖHENMETER Fröstelnd in der Primaloftjacke stehe ich am Bahnhof Martigny. Bei mir etliches an Gepäck, darunter die ziemlich genau 10 Kilogramm an Ausrüstung (von der Unterwäsche bis zu den Powergels...), welche ich heute Nacht über die 53 Kilometer und 4000 Höhenmeter der Patrouille des Glaciers tragen werde.
Um 23:15 Uhr wird auf dem Zematter Bahnhofsplatz ein Startknall in die dunkle Bergwelt hallen, mit rund 80 anderen Dreierpatrouillen werden wir lossprinten. In Turnschuhen - die Ski und Skischuhe auf den Rucksack geschnallt für die ersten rund 500 Höhenmeter bis zur Waldgrenze.


ADRENALIN MOBILISIERT RESERVEN Am Start eingereiht in die Läufermasse dröhnt Musik aus den Lautsprechern, es schaudert mich, treibt mir das Adrenalin in den Kreislauf, bringt Anspannung und Motivation aufs Maximum. Der Speaker berichtet, über die Strecke benötige ein Läufer rund 8000-10'000 Kcal, das entspreche ca 20 grossen Steaks. Diese Durchsage versetzt meiner Motivation kurz einen brutalen Rückschlag - ich erinnere mich, dass mein Magen heute einzig drei Brotscheiben, ein kleines Pizzabrötchen und ein Tasse Schokoladencreme zu sehen bekam. Den ganzen Tag schon fühlte ich mich, als würde mir die Patrouille bereits in den Knochen stecken. Beim Briefing in der grossen Zermatter Kirche wurde mir Sturm, beim Anblick von Essen übel. Ich sehnte mich eher nach Dösen unter einer warmen Decke als danach, die Tete Blanche mitten in der Nacht zu überqueren. Doch, dass ich vom Start bis mindestens bis zum ersten Kontrollposten mitlaufe, steht ausser jeglicher Diskussion, denn ab dort darf mein Team das Rennen auch zu zweit fortsetzen.
Startknall...Wir passierten Stafel, wir passierten Schönbühl und ich fühlte mich plötzlich gar nicht mehr so grottenschlecht sondern voll ins Rennfieber versetzt...  Erstaunlicherweise konnte sich mein Körper zusammenreissen und seine ganze Kraft auf das Rennen fokussieren!
Startknall, und los rennt die Läufermasse auf dem Zermatter Bahnhofsplatz. Auf der ganzen Strecke durchs Dorf feuern unzählige Zuschauer schreiend und in die Hände katschend an - ein wahres Volksfest im Dorf auf 1660müM!

Selbst wenn man sich Zuhause schwört, beim Startknall gemächlich zu Gehen anstatt wie vom Insekt gestochen loszurennen(es wird eine lange Nacht!)...von den Startemotionen erfasst ist ein Startsprint kaum zu unterdrücken! Bei vielen Läufern Rennen die Beine sozusagen abgekoppelt von der Vernunft ;-), was einige später bös büssen werden!
 
In Stafel angekommen, steht der Wechsel von Turnschuhen auf die Ski an.
 
Ab Schönbiel führt die Strecke durch vergletschertes Gebiet, es muss angeseilt weitergefellt werden! Die meisten haben ihr Seil mit einem Elastik speziell präpariert, damit es einem - ganz besonders während der Abfahrt - nicht andauernd unter die Ski gerät!
In Stafel von den Turnschuhen auf die Ski gewechselt und in Schönbiel angeseilt, fellten wir mitten in der dunklen Nacht über vergletschertes Gebiet der Tete Blanche entgegen. Es schneite leicht aber war lange Zeit fast windstill. Die umgebenden Bergriesen, ua auf linker Seite das Matterhorn, waren nur zu erahnen, zu schlecht war die Sicht zu Beginn des Rennens noch, um die Kolosse zu sehen.

GEFÄHRLICH KLEINE RUCKSÄCKE? Die Patrouille ist ein Teamwettkampf, das trägt zur Sicherheit des Einzelnen während der Traverse durch die raue Bergwelt bei. Die erste grössere Hürde auf der Strecke stellten die Minustemperaturen, mit Windchill rund -20°C, auf der Tete Blanche dar. Dort, auf 3650müM war ich superglücklich über meine Primalofthandschuhe - auch wenn diese ein paar Zusatzgramm zu Schleppen darstellen. Um die Felle zu versorgen, zog ich sie ganz kurz ab, fünf Sekunden reichten und meine Finger waren wie gefroren. Beim Betrachten der Rucksäcke einiger Spitzenläufer konnte ich mir partout nicht vorstellen, wo da eine wärmende Jacke oder dickere Handchuhe drin liegen sollten - zu klein und zu zusammengefallen schauten deren Rucksäcke aus. Das erklärt, warum auch dieses Jahr mehrere Läufer wegen Unterkühlung von den Sanitätern hier aus dem Rennen genommen wurden. Wir, bei denen es weder um Rang, Ehre noch Geld geht, können die Spitzenläufer deswegen schon an den Pranger hängen - stattdessen hege ich aber zumindest ansatzweise Verständnis für deren Entscheidung nach dem Alles-oder-Nichts Prinzip.

AM SELBEN STRICK Der Abschnitt von Schöbiel über die Tete Blanche bis zum Col de Bertol ist vergletschert und muss daher am Seil zurückgelegt werden. Barbara, Arnfinn und ich haben uns vor der PDG nicht wirklich gekannt, geschweige haben wir die Abfahrt zu Dritt am gleichen Strick zusammen geübt. Seilabfahrten in Rennen, sprich im vollen Gehetz und Gejufel, stellen immer ein ziemliches Spektakel dar: die Läufer fahren übers Seil und verheddern sich so in vollem Abfahrtstempo darin, der hinterste am Seil stürzt und wird mitgerissen bis seine Teamkollegen bremsen können, oder jemand fährt einem anderen Team ungewollt in der Dunkelheit übers Seil womit man plötzlich zu sechst am selben Strick "angekettet" durch die Gegend rast...
Ganz bös hat es einen fremden Läufer getroffen, der seinen Blick zu fest aufs Seil vor seinen Füssen fokussiert hat. Er fuhr, als Seilhinterster, im Stockdunkel in einen Markierungspfosten - ein Bein links, das andere rechts! Bei uns verlief die Abfahrt am Seil überraschenderweise tiptop und ohne Zwischenfälle.
Dafür erwartete uns ein Zwischenfall wenige Meter unter dem Col de Bertol: meine einte Bindungshinterbacke hatte wohl bereits vor Streckenhälfte genug vom Rennen, vedrehte ihren Kopf trotzig nach rechts und gab meinen Skischuh immer mal wieder mitten in der Kurve frei - gäbig!

TAGESANBRUCH BEI STRECKENHÄLFTE In Arolla warteten ganze "Verpflegungssippen" mit grossen Taschen auf etliche Teams - die Läufer wurden von ihren Bekannten und Angehörigen gefüttert, liessen sich die Wasserflache auffüllen und Motivation für die zweite Streckenhälfte zureden. Leider hatte niemand einen Torx-Schraubezieher für meine Bindung dabei. Nach überlebter Streckenhälfte und antartktischen Temperaturen auf der Tete Blanche einfach zu kapitulieren und mich hier in Arolla vom Team zurückzulassen, fand ich grad gar nicht ansprechend! So machten wir uns trotz Bindungsproblem als komplettes Team auf den Weiterweg nach Verbier, mit der Hoffnung, dass sich meine Hinterbacke nicht noch schlimmer löst.
Arolla, Streckenhälfte und erster offizieller Verpflegungsposten...man sollte also genug Verpflegung selber mittragen! In Kürze wird der Tag anbrechen, erste Bergsilhouetten werden sichtbar.

NADELÖHR "PORTAGE" Vor der Portage auf den Col de Riedmatten angekommen, sahen wir erstmals nicht viel ausser einige Hundert aufgebundene Skispitzen vor uns, ein Grossteil davon Teams der kleinen Patrouille mit Start in Arolla. Die Kombination unseres Starblockes mit unserer Laufzeit hatte also zur Folge, dass wir genau vor dem Nadelöhr der Patrouille-Strecke auf die grosse Läufermasse der kleinen Patrouille stiessen. Die 45 Minuten Wartezeit an Ort verbrachten wir mit Fingeraufwärmen und Bestaunen des Tagesanbruches in der Bergwelt rund um uns. In der Portage drin stockte es massiv, immer wieder mussten wir minutenlang an Ort stehenbleiben. Der Abstieg vom Col de Riedmatten in Richtung Lac de Dix brauchte nochmals bisschen Nerven, wurde dort doch eine Helirettung mit Longline durchgeführt - wobei so lang war diese Line eben nicht, so dass wir uns durch den Rotor in einen Hurrican versetzt fühlten, blockiert waren und uns die nassen Handschuhe innert Sekunden einfroren.
Vor der Portage auf den Col de Riedmatten: 3/4-stündige Zwangspause inmitten aufgebundener Ski

Col de Riedmatten: links der Aufstieg, rechts der Abstieg an Fixseilen in Richtung Lac de Dix

DAS LEIDEN BEGINNT Bei Top Schneeverhältnissen (noch keine Spur von aufgeweicht) fellten wir die flache Traverse entlang des Lac des Dix im Tal nach vorne bis zur Abzweigung auf die Rosablanche hinauf. Bis hier lief es mir wie am Schnürchen, nach Plan habe ich stündlich eine Geltube gefüttert -  doch im Aufstieg zur Rosablanche, in mittlerweile drückender Hitze, begann mein grosses Leiden. Es fehlten wohl einfach die Steaks Nr 3-20 in meinem Magen...
Aufstieg auf die Rosablanche, spätestens hier beginnt bei zahlreichen Läufern das Leiden ;-)!


 
Belohnung auf der Rosablanche: die Zurufe und das Anfeuern unzähliger Zuschauer, die frühmorgens ihre "Anreise hierhin per Tourenski" auf sich nahmen!
Zwischendurch zur Rast in den Schnee sinkend, schwörte ich mir, nieeeemehr so etwas anstrengendes wie die Patrouille zu laufen! Mein Herz schlug nicht schneller als 140x pro Minute, mein Atmung war nicht wirklich an Anschlag - doch die Muskel wollten einfach nicht mehr! Barbara zog mich bisschen mit dem Elastikschnürchen und trug mir die Ski den letzten Gegenanstieg rauf. Eine Zuschauerin auf Tourenski verspürte Mitleid und verfütterte mir ihr feinstes Tourenpicnic!
Ganze Schlange bestehend aus Skitüreler, welche bei Tagesanbruch in Richtung Col de la Chaux aufsteigen,um dort Läufer anzufeuern!

EINZIG WETTKAMPF GEGEN DIE ZEIT? Nach fast 15 Stunden erreichten wir das Ziel in Verbier - überglücklich, hier trotz diversen Zwischenfällen zu dritt als Team anzukommen!
Ursprünglich war "mein" Team ein reines Frauenteam, und wir peilten eine bestimmte Zeit, um einiges schneller als unsere fast 15h, an. Doch rund 3 Wochen vor dem Startschuss zog sich die eine Kollegin eine Sprunggelenksverletzung und die zweite eine Schwangerschaft ;-D zu, so blieb schlussendlich einzig ich übrig vom ursprünglichen Frauenteam. Mit Barbara und Arnfinn fand ich zwei sehr aufgestellte spontane Ersatzläufer, die den PDG zu viel mehr als nur einen Wettkampf gegen die Zeit machten. Die 53 Kilometer und 4000 Höhenmeter wurden zum grossartigen Spektakel, zu einem unvergesslichen Teamerlebnis.
Die Patrouille ist mit keinem anderen Rennen zu vergleichen, welches ich bisher gelaufen bin. Sie ist anders, eindrucksvoller, mystisch, abenteuerlicher, anstrengender! Irgendwie wurde die Zeit so völlig zur Nebensache. Mit dem Überqueren der Ziellinie in Verbier geht nun (leider!) meine diesjährige viel zu kurze Skisaison zu Ende. Denn nun ist vollständiges Auskurieren einer Malleolar Bursitis (Schleimbeutelentzündung Innenknöchel), welche mir den ganzen Monat April einzig zwei Skitouren zugelassen hat, angesagt.

ES LEBE DAS RENNABENTEUER Bei brütender Hitze in der Portage auf die Rosablanche habe ich mir geschworen "nie mehr Patrouille" - doch jetzt, 2 Tage später keimt bereits Lust auf die nächste Teilnahme im 2016 auf!
Ganz grossen Dank an die vielen Soldaten und auch zivilen Helfern, welche geplant, die Strecke präpariert und uns am Kontrollposten auf der Tete Blanche bei minus 20°C ihren Thermoskannentee geopfert haben - ihr habt uns dieses unvergessliche Erlebnis ermöglicht!
Und zuletzt möchte ich noch Herrn Ueli Maurer ganz herzlich danken, dass er sich umstimmt und meine Steuern weiterhin in das Volkserlebnis "Patrouille des Glaciers" fliessen möchte, anstatt damit den Gripen in die Lüfte zu heben...
Es lebe die Patrouille, es lebe das Rennabenteuer!

PS bei der Durchführung der Patrouille Anno 1945 noch keine Spur von Lycra-Rendresschen und die Teams mussten per Dülfersitz abseilen: https://www.youtube.com/watch?v=-QRawEJ3jSw

Impressionen von der Patrouille 2014, festgehalten von Pascal Bourquin: https://www.youtube.com/watch?v=z4RsTjgTbAs&feature=youtu.be


Deklaration Bildmaterial: Einige Bilder stammen von meiner Teamkollegin, die restlichen von der offiziellen PdG-Website oder von Dynafit. Den Fehler, meinen Fotoapparat zu Hause zu lassen, werde ich 2016 nicht wieder begehen!

Dienstag, 25. März 2014

Powder in der Rinne...

Mein Hals kratzt, Manus Fuss befindet sich noch in der Rekonvaleszenz -  lahmer Tag! Gute Tausend Höhenmeter im Fildrich sollten aber heute trotzdem drinliegen...
Auf dem ersten Gipfel des Tages, einem NoName mit aperem "Sitzplatz" wird es uns dank Sonne und Windstille derart gemütlich, dass wir ihn längers geniessen, denn wir haben ja heute nichts mehr vor, als wieder ins Tal abzufahren.

Unser gemütliches NoName Gipfelchen
Doch dann...beim Blick nach links zum Bodezehore rüber wird Manu schwach, er möchte weiter, übers fast apere Grätli rüber aufs Bodezehore. Ok, gegen ein bisschen Kraxeln in Skischuhen kann ich kaum was einwenden und wir machen uns auf die Socken.
Grätchen aufs Bodezehore, unschwieriges Skischuhkraxeln

Grätchen aus Bodezehore, auch hier sind wir heute die einzigen Zweibeiner!

Wir sind das erste Mal auf dem Bodezehore-Gipfel aber sehen sofort, dass der Abstieg auf der andern Seite des Gipfelchens möglich ist. Und warum eigentlich nicht noch den Drümännler anhängen..ist ja eh besser, mit der Abfahrt noch bisschen zuzuwarten, bis es so richtig schön aufsulzt.
Auf dem Drümännler angekommen, schiesst mir beim Blick zum W-Grat ein Gedanke durch den Kopf...mit Oli ging ich da mal ein Couloir, rekognoszieren, welches wir damals aber aufgrund Schneemangel vertagen mussten. Leider liegen unsere Ski im Skidepot unten...mal schauen gehen, paar Schritte über den W-Grat absteigen. Der Blick ins erste Couloir ist vielversprechend - so vielversprechend, dass wir kehrtum zurück zum Skidepot stapfen, und von dort erneut via Drümännler-Gipfel zurück zum Couli-Einstieg.
W-Grat des Drümännlers: 5-10 Minuten vom Gipfel aus absteigen, dann präsentieren sich diverse N-Couloirs :-)


Unsere Wahl fällt auf dieses Couli hier :-)

Abwechselnd geilster Presspowder und leicht gedeckelte Stellen

Abwechslungsweise in schönstem Presspowder und auf leicht gedeckeltem Untergrund cruisen wir die N-seitige Rinne runter :-)...
Die Erkenntnis des Tages: Ski NIE im Skidepot zurücklassen, den man weiss ja nie ;-)!